…Viele würden in aktuell kriselnden Zeiten wie diesen wohl vorbehaltlos Karl Valentin zustimmen, von dem das Zitat stammt. Aber war die Zukunft früher tatsächlich besser, was war in der alten Gegenwart besser? Und wie sieht überhaupt unsere Zukunft aus? - Von Unterhosen, Zeitmessern und Freiheitsentzug durch Mobilität.
Ich denke es lohnt sich, einen genaueren Blick auf zwei Themen zu werfen, die immer enger miteinander verknüpft sind: Komfortzone und Zeit.
Wie war das früher mit der Zeit? - Rein statistisch gesehen, hatten die Menschen bis vor einigen Hundert Jahren weniger als die Hälfte der Lebenszeit zur Verfügung - von ca. 30 Jahren um 1500 bis heute ca. 80 Jahre. Während der Industriellen Revolution erhöhte sich die Lebenserwartung enorm, unter anderem wesentlich durch die Erfindung des Webstuhls. Erst dieser ermöglichte die weite Verbreitung von Stoffen, die dazu geeignet waren, hygienische Unterhosen herzustellen, die man im Intimbereich auf der Haut tragen und vor allem auch waschen konnte. Die Lebenszeit teilte sich wiederum zu etwa je einem Drittel auf in lebensnotwendige Zeit (Schlafen, Essen usw.), Arbeitszeit und Freizeit. Heute haben wir mit ca. 50% mehr Freizeit als je zuvor. Bei gleichbleibendem Anteil der lebensnotwendigen Zeit bei einem Drittel, müssen wir nur noch etwa 20% unserer Zeit arbeiten. Soweit zur Statistik - da die meisten unserer Vorfahren als Christen aber an eine Auferstehung und das ewige Leben glaubten, kehrt sich die Entwicklung für die große Mehrheit von “Ungläubigen” subjektiv um - das Leben ist so für viele unendlich kürzer geworden. Doch bleiben wir zunächst bei objektiven Maßstäben. Die mechanische Messung der Zeit beginnt flächendeckend Ende des 13. Jahrhunderts mit der Verbreitung von Räderuhren. Bis dahin waren Zeichen der Zeit unter anderem “der erste Hahnenschrei” und “der Einbruch der Dämmerung”. Die Zeitmessung durch Uhren gewann immer mehr an Bedeutung für die Organisation des menschlichen Lebens. In der Rechtsprechung galt bald der Grundsatz “Freiheitsentzug ist der Entzug von freier Zeit.”
Laut einer Umfrage des Forsa-Instituts haben etwa 60% der Deutschen die Vorsätze “weniger Stress” und “mehr Zeit für Familie, Freunde und sich selbst”. - Subjektiv empfinden also 60% der Deutschen, dass sie zu wenig freie Zeit haben. Objektiv betrachtet haben diese Menschen mehr als genug davon. - Was stimmt hier nicht? Anscheinend geht es nicht um das “Wieviel” sondern um das “Wie” - wie nutzen wir unsere freie Zeit? Eine Mehrheit in unserem schönen Land offensichtlich auf eine Art und Weise, dass die eigentlich freie Zeit als stressig und fremdgesteuert wahrgenommen wird. Einige neigen wohl auch dazu, einen großen Teil ihrer Zeit totzuschlagen, die dann natürlich auch nicht mehr zur Verfügung steht.
Ein einflussreiche Rolle bei dieser Art der Zeit-Gestaltung spielt vermutlich die fast ständige Erreichbarkeit und somit auch Verfügbarkeit per Handy. - Die effiziente Technik macht es möglich, zugleich unterwegs und erreichbar zu sein. - Ein Zustand, den es vor etwa 30 Jahren noch nicht gab. Ich denke, es lohnt sich, uns bewusst zu machen, dass dies ein zumindest ungewöhnlicher, vielleicht sogar unnatürlicher Zustand ist. Warum? Schon Heissenberg hat in seiner Unschärferelation erkannt:
- Es ist nicht möglich, die Position und den Impuls eines Quantenobjektes gleichzeitig exakt zu messen.
- Die Messung der Position eines Quantenobjektes ist zwangsläufig mit einer Störung seines Impulses verbunden, und umgekehrt.
Wenn also der Mensch X von A nach B unterwegs ist, kennen wir den Impuls von X, als Arbeitgeber von X sogar seine Motivation der Reise. Über sein Moblilfunk-Netz kennen wir darüber hinaus fast jederzeit seine aktuelle Position. - Nach Heissenberg ist es bereits zwangsläufig mit einer Störung von Impuls oder Position verbunden, wenn wir nur eines davon messen (siehe 2. Satz). Nun ist es uns sogar technisch möglich, beides gleichzeitig zu messen, was der Physiker gar nicht ‘vorgesehen’ hat.
Welch große Störung das verursachen kann, hat das deutsche Literatur-Genie Daniel Kehlmann (bekannt für seinen Bestseller “Die Vermessung der Welt”) im großen FAZ-Interview am 27.12.08 wie folgt umschrieben: “Man ist selbst ständig woanders, und zugleich führt man zu jedem Zeitpunkt ein Dutzend Konversationen mit Leuten, die über die halbe Welt verteilt sind. Das sind alles keine oberflächlichen Veränderungen. Was wir da mitmachen, ist eine große seelische Umwälzung.”…”Ich befürchte immer mehr, dass … wir tatsächlich eine Entwicklung erleben, die keinen Ausweg hat - oder wenn, dann nur einen Ausweg, den wir nicht wollen können, nämlich einen Totalzusammenbruch des Systems, eine ungeheure Katastrophe oder einen Weltkrieg.”… “Die Maschen des Netzes werden immer enger. Wenn es überhaupt einen Ausweg gibt, dann wird dieser nur Einzelnen offenstehen - als Luxus für reiche Erben.”
Die nicht ständige Erreichbarkeit als Luxus! - Freiheitsentzug durch Mobilität? Sind wir uns dessen wirklich bewusst? Probieren Sie es doch einmal aus. Verstecken Sie Ihr Handy irgendwo zu Hause in einer Kiste, ausgeschaltet selbstverständlich und rühren Sie es zwei Tage lang nicht an; und lassen Sie zwei Tage lang auch Ihren Laptop und Ihren PC aus. Wie fühlt sich das an? Haben Sie Entzugserscheinungen, haben Sie Kopfschmerzen oder können Sie schlecht schlafen? - Dann empfehle ich Ihnen zwei Heilmethoden aus der Volksmedizin, welche im Spessart noch im Jahre 1869 angewendet wurden: “Kopfschmerzen zu tilgen, trage man die Klauen einer Ziege auf bloßem Leibe oder binde sich die Sehnen desselben Tieres an Hände und Füße. Beides stillt die Schmerzen des Krampfes.” Und: “Nimm zwei Hasenohren, lege sie einem, der nicht schlafen kann, unter das Kissen.” - Wenn das nicht hilft, machen Sie doch bewusst, dass Sie nicht ständig jemanden brauchen, der Ihnen sagt, was Sie tun sollen, was er für Sie tun kann oder dass man Sie mag. “Jeder ist sich selbst am nächsten” könnte eine positive Bedeutung bekommen.
Mit besten Grüßen, Carsten Gans.